Live sein bedeutet mehr als nur Live gehen
Abdullah BertinTeilen
Für mich ist Live nicht nur ein Format. Live ist der Zustand, in dem Arbeit überhaupt stattfindet.
Alles, was entsteht – Kunst, Verkauf, Austausch, Organisation – passiert im Hier und Jetzt. Auch ein klassisches Geschäft funktioniert live: Menschen kommen rein, gehen raus, reagieren, entscheiden. Auch eine Bühne ist live. Auch ein Laden. Die Frage ist nicht, ob etwas live ist, sondern wo und unter welchen Bedingungen.
Mit Öffentlichkeit meine ich nicht nur das Digitale, sondern auch das Analoge. Jedes Ereignis, das im Moment stattfindet, ist live – egal ob vor Ort oder online. Entscheidend ist nicht, ob etwas live ist, sondern auf welcher Plattform es stattfindet. In meinem Fall ist das TikTok. Die Plattform und ihre Community nutze ich bewusst als Werkzeug für Fokus, Organisation und Kommunikation. Ein Live-Stream schafft einen klaren Rahmen, in dem Inhalte, Situationen und Reaktionen authentisch im Hier und Jetzt entstehen können.
Was wir oft als Authentizität bezeichnen, entsteht genau dort: in der Echtzeit. Nicht im Nachhinein, nicht in perfekt abgeschlossenen Prozessen. Sondern in Situationen, in denen etwas kippen kann, scheitern kann oder sich neu formt. Live-Arbeit ist anstrengend, weil sie keine Distanz erlaubt. Aber genau deshalb ist sie ehrlich.
Ein still abgeschlossener Arbeitsprozess interessiert mich wenig. Sobald etwas unveränderbar ist, verliert es für mich Energie. Ich will reagieren können, nachjustieren, beobachten, was ein Moment auslöst. Live bedeutet nicht Chaos, sondern Präsenz. Es zeigt, wie vorbereitet man wirklich ist – nicht technisch, sondern menschlich.
Gleichzeitig reicht Improvisation allein nicht aus. Alles, was live entsteht, braucht irgendwann eine Form, sonst verschwindet es wieder. Genau hier wird ein System notwendig. Nicht als Kontrolle, sondern als Übersetzung. Ein Ort, an dem Ergebnisse landen können. Ein Rahmen, der das Flüchtige festhält, ohne es zu ersticken.
Ein System bedeutet nicht, dass alles geplant ist. Jedes wiederkehrende Handeln erzeugt ohnehin Strukturen. Die Frage ist nur, ob man sie ignoriert oder bewusst nutzt. Für mich geht es darum, live entstandene Prozesse in eine Form zu bringen, die nachvollziehbar, zugänglich und weiterführbar ist.
Live, Öffentlichkeit und System sind deshalb keine Gegensätze. Sie bedingen sich gegenseitig. Öffentlichkeit erzeugt Bedeutung. Live erzeugt Bewegung. Ein System sorgt dafür, dass daraus etwas bleibt.
Ohne Live wird alles distanziert. Ohne Öffentlichkeit bleibt alles unsichtbar. Ohne System verpufft alles. Erst im Zusammenspiel entsteht eine Arbeitsweise, die sich weiterentwickeln kann – ohne ihre Offenheit zu verlieren.
